Erhard Schümmelfeder

 
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DER
MANN OHNE GEIGENKAFTEN


Man hatte mir aufgetragen, auf Halloween verdächtige Personen ohne Geigenkaften in den Straßen unserer Stadt an die Oberste Aufsichtsbehörde zu melden. Ich hasste meine Arbeit, denn ich wollte kein Ordnungshüter sein. Folgerichtig verletzte ich ständig meine Dienstaufsichtspflicht.
Ich erschrak ich, als ich gegen Abend plötzlich auf der Straße einen rotnasigen Mann ohne Geigenkaften sah. Ich empfand Mitleid für ihn und beschloss sogleich, beide Augen zuzudrücken, um ihm Gelegenheit zu geben, sich dem Zugriff der
Ordnunghüter zu entziehen, denn wer ohne Geigenkaften in den Straßen der Stadt
angetroffen wurde, musste mit einer empfindlichen Strafe rechnen.
Erst nach einer geraumen Weile alarmierte ich telefonisch meinen Chef, der sogleich den Ausnahmezustand über die ganze Stadt verhängte. Eine völlig übertriebene und unangemessene Entscheidung, wie mir schien.
Es dauerte nur wenige Minuten, als mein hornbebrillter Vorgesetzter im Gefolge des Krisenstabes heranpirschte, um am Beobachtungsposten nahe der Kirche die
Ungeheuerlichkeit der Meldung zu überprüfen. Die Scharfschützen ringsum in den
Hecken und hinter den Häuserecken bemerkte ich erst jetzt: Sie trugen
Wolfsmasken mit grün leuchtenden Augen.
»Ist das wahr?«, fragte mich mein Chef, als ich ihm von dem Mann ohne Geigenkaften berichtet hatte. Durch die Schlitze seiner schwarzroten Teufelsfratze funkelten seine Augen gefährlich in der Dunkelheit.
»So wahr wie das Amen in der Kirche!«, beteuerte ich mit wachsendem Unbehagen.
»Aber wo ist der Mann ohne Geigenkaften?«, schnauzte er mich ungeduldig an, wobei er den Blick misstrauisch über den weiten Kirchplatz schweifen ließ.
»Eben war er noch hier«, begann ich und zuckte die Achseln. Erklärend fügte ich hinzu: »Er - er ist plötzlich in der Menge untergetaucht.«
»Mit dem Geigenkaften?«
»Ohne Geigenkaften«, korrigierte ich ihn.
»Wo zum Henker ist der Mann ohne Geigenkaften«, knurrte mein Chef erregt. Wenn er etwas hasste, dann war es blinder Alarm.
So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte keinen Mann ohne Geigenkaften unter all den Menschen, die an diesem Tag unterwegs waren, entdecken. Ich sah bleiche
Schreckgespenster, blutsabbernde Monster, Skelettgestalten mit und ohne Messer
im Totenschädel, krummsasige, bucklige Hexen und allerlei dämonische Spukwesen aus der Unterwelt. Alle Leute hatten, wie es sich gehörte, ihren Geigenkaften dabei.
Mein Chef musterte mich mit linkischen Blicken. »Sie scheinen mir der einzige Mann weit und breit zu sein, der keinen Geigenkaften hat!« Aus seinem Mund klang die Feststellung wie ein bitterer Vorwurf.
Verwundert stellte ich fest, dass auch mein Geigenkaften nicht mehr unter meinem rechten Arm klemmte.
»Ich - ich - ich weiß nicht, warum ...«, stammelte ich und versuchte, eine schlüssige Erklärung für das Nichtvorhandensein meines Geigenkaftens zu formulieren. Aber die richtigen Worte wollten mir nicht einfallen.
Mein Chef wandte sich an seinen barfüßigen Assistenten: »Festnehmen!«
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, entnahm der Assistent, ein zahnloser Zombie mit Spinnweben im zernarbten Gesicht, seinem Geigenkaften die Handschellen, legte sie mir an und ließ die eisernen Zähne einrasten. Ordinär rülpsend nickte er den beiden Beamten zu, die mich mit grimmigem Ernst abführten. Sie zerrten mich in einen der parkenden Wagen und fuhren in die Richtung des Präsidiums.
Flehentlich, mit einem kollegialen Unterton, wandte ich mich an die beiden Polizisten:
»Ich bin unschuldig. Ihr müsst mich laufen lassen!«
»Wir wissen, dass du unschuldig bist«, sagte der Polizist mit dem gespaltenen
Schädel während der Fahrt durch die Stadt zu mir, wobei er sich nicht einmal
umwandte.
»Aber warum habt ihr mich dann verhaftet?«
»Einen mussten wir schließlich verhaften.«
»Wegen der Statistik«, fügte der bleichhäutige Polizist mit der ölig schimmernden
Eiterfresse am Steuer hinzu. Deutlich nahm ich seinen säuerlichen Alkoholatem
wahr.
»Wegen der Statistik?«
»Statistisch betrachtet, verhaften wir jeden Tag einen Mann ohne Geigenkaften. Heute hat es leider nicht geklappt. Deshalb muss einer aus unseren Reihen über die Klinge springen.«
»Warum ausgerechnet ich?«
»Du darfst das nicht persönlich nehmen«, sagte der gespaltene Schädel vermittelnd. Nur kurz schaute er mich an. In seinem linken Nasenloch steckte ein
ungleichmäßig abgebissener Zeigefinger.
»Wir haben nichts gegen dich. Mir bist du sogar sehr sympathisch. Aber wenn es um die Statistik geht, dürfen wir keine Ausnahmen zulassen«
»Verstehe«, sagte ich ein wenig getröstet. »Was passiert jetzt mit mir?«
»Du wirst dem Haftrichter vorgestellt. Er wird über dein Schicksal entscheiden.«
Als der Wagen vor dem Präsidium hielt, stiegen wir aus. Zwischen dem gespaltenen Schädel und der Eiterfresse wurde ich ins Gebäude geführt. Es war sehr erniedrigend für mich. Nun hatten sie mich also erwischt.
Der Raum, in den man mich führte, besaß nur einen Tisch, an welchem zwei Stühle
aufgestellt waren. In der Mitte des Tisches sah ich das vorwurfsvoll auf mich
gerichtete Mikrofon, dem man einen Zwirbelbart angeklebt hatte. Was soll der
Unsinn?, dachte ich nur.
Ich durfte mich setzen. Nach wenigen Augenblicken des Alleinseins öffnete sich die Tür neben der Spiegelscheibe. Die Haftrichterin erschien im Flecktarnhosenanzug mit dramatisch anmutender Rupfhuhnfrisur. Sie hatte eine faustgroße Beule an der linken Stirn. Ich bemühte mich, ihre fauligen Zahnstummel höflich zu ignorieren. Verdächtig erschienen mir ihre abstehenden Spitzelohren und der verhärtete Zynikermund. Um den Hals trug sie einen abgeschnittenen
Galgenstrick. Ich erkannte sie sofort an der mehrwertsteuerbegünstigten roten
Knollennase: SIE war der Mann ohne Geigenkaften.
Sie setzte sich mir gegenüber und sagte kühl: »Sie wissen, warum Sie hier sind?«
»Wegen der Statistik«, sagte ich. »Aber ich - ich bin unschuldig!«
»Tja, moralisch mögen sie unschuldig sein«, klärte sie mich auf. »Aber statistisch betrachtet sind sie unser Täter für den heutigen Tag.«
»Können Sie denn gar nichts für mich tun?«, wagte ich kleinlaut hervorzubringen.
»Vorerst bleiben Sie in Untersuchungshaft. Da Sie Staatsdiener sind, bekommen Sie selbstverständlich eine angenehme Zelle, in der Sie es sich gemütlich machen
dürfen.«
»Danke«, murmelte ich, denn ich begriff, dass sie auch härter gegen mich hätte vorgehen können.
»Übrigens werden Sie die Zelle nicht allein bewohnen«, sagte die Haftichterin am Ende unserer kurzen Unterredung.
»Mit wem werde ich die Zelle teilen müssen?«, fragte ich bekümmert.
»Mit Ihrem Geigenkaften«, sagte sie augenzwinkernd, kratzte sich an ihrer hämatomigen Kopfbeule, erhob sich und ließ mich wieder allein ...
In dieser ausweglos erscheinenden Lage entschloss ich mich spontan zu raschem Handeln.
Ich sprang auf, schleifte meinen Stuhl durch den Raum und klemmte ihn unter die
Messingklinke der Eingangstür. Ich hörte bereits die Stimmen der beiden
Polizisten, die sich draußen angeregt unterhielten. Amüsierte sie mein
Schicksal? Zorn stieg in mir auf.
Hastig eilte ich zur Spiegeltür auf der anderen Seite des Raumes, klopfte dagegen und presste mein Ohr an das kalte Glas. Ich vernahm das Geräusch sich entfernender Schritte in einem weiten Flur.
Plötzliche Stille.
Wieder klopfte ich, diemal mit beiden Händen.
Gespannt registrierte ich, dass sich die Schritte erneut in meine Richtung bewegten.
Endlich, endlich öffnete sich die Spiegeltür.
"Lieber Freund", sagte die Haftrichterin vergnügt, "haben Sie noch etwas
vergessen?" Nicht nur ihr Zynikermund lächelte, sondern auch ihre
schadenfrohen Tränensackaugen.
"Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen", stammelte ich erregt.
"Aber Ihr Verhalten war doch bislang tadellos", erinnerte sie sich befremdet,
wobei sich ihre verbeulte Stirn in Falten legte. "Wofür möchten sie sich
denn entschuldigen?"
"Dafür!", stieß ich hervor, ergriff mit der Rechten das Ende des daumendicken
Galgenstrickes und verengte mit der Linken die Schlinge. Röchelnd stürzte die
Haftrichterin im Vernehmungsraum zu Boden, verdrehte die Augen und verlor
alsbald das Bewusstsein.
Habe ich sie getötet?, ging es mir durch den Sinn.
Während an der Eingangstür gerüttelt wurde, entkleidete ich die Haftrichterin und zog den lächerlichen Flecktarnhosenanzug über. Die Rupfhuhnfrisurperücke setzte ich mir in panischer Eile seitlich verdreht auf den Kopf, wie ein flüchtiger Blick
in den Spiegel bewies. Auch den Sitz der Knollennase, deren Luftlöcher noch
oben zeigten, musste ich korrigieren.
Nichts wie weg, dachte ich nur.
Ich entriss der rücklings neben dem Tisch liegenden Haftrichterin meine Akte, die sich nur schwer aus ihrer verkrampften rechten Hand lösen ließ. Erleichtert sah ich, wie ihr Brustkorb sich leicht hob und senkte. Sie atmete also.
"Aufmachen!", hörte ich die dumpfe Stimme des gespaltenen Schädels hinter der Eingangstür.
"Mensch, seien Sie doch vernünftig!", krächzte die Eiterfresse.
Ich aber rannte den Gang hinter der Spiegeltür entlang zum Fenster, riss den Flügel auf und kletterte am Regenablussrohr hinunter in die Freiheit ...
Unterwegs in den Straßen der Stadt begegneten mir die handelsüblichen
Halloween-Schreckgespenster, blutsabbernde Monster, Skelettgestalten mit und
ohne Messer im Totenschädel, krummnasige, bucklige Hexen und allerlei
dämonische Spukwesen aus der Unterwelt.
Mit heftig klopfendem Herzen erreichte ich den nächtlichen Bahnhof. In letzter
Sekunde sprang ich in den davonfahrenden Zug und ließ mich erschöpft auf einen
Sitz am Fenster des Erste-Klasse-Abteils fallen. Hinter der Scheibe sah ich die
Lichter der Stadt, die ich nun für immer verlassen wollte.
Als ich im Schein der Deckenlampe meine dünne Akte öffnete, sah ich nur ein einziges leeres Blatt.
Was geht hier vor?, dachte ich verstört.
Mit einem Ruck wurde die Abteiltür geöffnet.
"Guten Abend. Den Fahrausweis, bitte!", sagte der uniformierte Schaffner, in
dessen Brust ein Dolch steckte.
"Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen", sagte ich und erhob mich von meinem
Sitz.
"Wofür?", fragte er trocken.
"Dafür!", hauchte ich, zerrte ihn in das Abteil, unterbrach für einige Sekunden seine Luftzufuhr und versetzte ihn somit in den Zustand friedlich schlummernder
Besinnungslosigkeit.
Das Wechseln der Kleidung vollzog sich ohne Störung. Mit der Rupfhuhnfrisur und der mehrwertsteuerbegünstigten Knollennase wirkte der Schaffner, den ich in
erschlaffter Stellung am Fensterplatz positionierte, wie ein Betrunkener auf
der Heimfahrt.
Die Uniform des überwältigten Mannes überzeugte mich nicht vollständig, denn die
Hosenbeine endeten bei mir knapp unter den Knien. Auch die blaue Kommunionsjacke mit den viel zu kurzen Ärmeln ließ sehr zu wünschen übrig.
Aber an diesem Tag erregte meine äußere Erscheinung kein verdächtiges Aufsehen, wie ich bald feststellte.
Mit der Entwertungszange machte ich mich auf den Weg durch die Abteile des Zuges, öffnete ruckartig die Türen und sagte allen Zuggästen, was man von mir
erwartete:
"Guten Abend. Die Fahrausweise, bitte!"
Höflich gab ich auskunftsuchenden Reisenden falsche Informationen über Zugverbindungen und Abfahrtzeiten, lochte ordnungsgemäß Fahrkarten und erreichte aufatmend die nächste Stadt, wo ich mich unbemerkt aus dem Staube machen konnte.
Später erst fiel mir ein, dass ich meine Akte im Zug vergessen hatte.
Was nun?, dachte ich unentschlossen ...



Die grotesken Ereignisse, welche ich hier mit dürren Worten beschrieben habe, durchlebte ich tatsächlich während der letzten Schlafphase auf dem Kopfkissen meines Bettes. Irrationale Träume wie dieser verfolgen mich ständig. Ich mag solche unergründbaren und manchmal verstörenden Zufallsfantasien aus der Dunkelkammer meines Hirns, denn sie bereichern mein Innenleben und zwingen mich, über mich selbst nachzudenken.

Es heißt, niemand träume, was ihn nicht angehe.

Ich habe keine Ahnung, was der rätselhafte Geigenkaften mit mir zu tun haben
könnte. Aber man kann ja nie wissen ... Ich spiele nicht Geige. Gelegentlich zupfe
ich die Gitarre. Mein Instrument bewahre ich nicht in einem Geigenkaften auf,
sondern in einer Gitarrentasse ...


L E S E P R O B E    A U S
"DAS ENDE DER UNENDLICHKEIT"; Roman


http://www.neobooks.com/werk/9808-das-ende-der-unendlichkeit.html


 
 
 
 
 
 
 

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